Imhausen-Chemie, Lahr

Mit 31 Jahren wurde es mir bei der Wacker-Chemie in München zu langweilig. Eine Vertriebskarriere bei Wacker hätte wieder in die Welt hinaus geführt, aber der Vertrieb von Grundstoffen erschien nicht sehr reizvoll. Anders als in der Pflanzenschutz- oder Pharmaindustrie hatten die Auslandsniederlassungen weder größere Außendienstmannschaften noch echte Marketingaufgaben. Das Leben in irgendwelchen fernen Metropolen konnte mich auch nicht mehr reizen. Und viele Manager kamen nach langen Jahren im Ausland zurück und landeten dann mit Anfang 50 auf irgendeinem Elefantenfriedhof.

Wieder stolperte ich über eine Anzeige in der FAZ. Eine Schweizer Personalberatung suchte für ein mittelständisches Chemieunternehmen einen Verkaufsleiter. In der Schweiz zu arbeiten, hätte ich mir vorstellen können.

Nach einigen Tagen rief der Personalberater an und eröffnete mir, dass es sich nicht um ein Unternehmen in der Schweiz handelte: Es ging um die Imhausen-Chemie im badischen Lahr.

Imhausen war in den achtziger Jahren weltweit in die Schlagzeilen geraten. Jürgen Hippenstiel-Imhausen, der Schwiegersohn des Firmengründers Prof. Imhausen, saß im Gefängnis wegen der unerlaubten Lieferung einer Giftgasanlage nach Rabta/Libyen. Angeklagt war er nicht nur wegen Verstoßes gegen Ausfuhrverbote, sondern auch wegen Steuerhinterziehung: die auf über 200 Millionen DM geschätzten Einnahmen aus dem Geschäft waren offenbar größtenteils an der Steuer vorbei geflossen.

Imhausen stand also im Rufe eines Unberührbaren. Aber es konnte ja nicht schaden, sich so einen Laden mal selbst anzusehen…  Der Einladung zum Vorstellungsgespräch in Lahr folgte ich vor allem aus Neugierde.

Der neue, unbelastetete Geschäftsführer in Lahr war ein Herr K. K. kam aus der Firma Nattermann, einem traditionsreichen Pharmaunternehmen, das gerade von einer französischen Pharmafirma übernommen worden war. Nattermann war Kunde von Imhausen gewesen. K. sollte Imhausen einen Neuanfang ermöglichen und brauchte dazu auch einen unbelasteten Verkaufsleiter.

K. zeigte mir Bilanzen und Kundenlisten. Das sah gar nicht schlecht aus, zu den Kunden von Imhausen zählten die ersten Adressen der deutschen Pharmahersteller, darunter auch Schering. Also schien Imhausen doch auch gesunde Substanz zu haben… Die Sache reizte mich und die kleine, freundliche Stadt Lahr gefiel mir sehr. Ich sagte zu.

Was nun folgte, wurde eine höchst interessante, aber nicht sehr angenehme Erfahrung. Ein Lehrstück in Betriebswirtschaft. Der Verband der chemischen Industrie hatte den Bannstrahl auf Imhausen gerichtet. Seriöse Kunden wie Schering hatten ihren Absprung bereits angebahnt, nur mussten sie erst einen anderen Lieferanten finden.

Imhausen war auf bestimmte Syntheseschritte spezialisiert, die nicht viele Firmen beherrschten – oder andere Firmen nicht machen wollten. Diese Lohnsynthesen fielen nach und nach weg. Imhausen hatte keine Eigenerzeugnisse, mit denen man unabhängiger gewesen wäre. Die verzweifelte Suche nach neuen Umsatzträgern hatte Geschäftsführung und Chemiker auf Wirkstoffe wie Ketamin oder Flumequin gebracht. Um den oder die Abnehmer von Ketamin kümmerte sich Herr K. selbst. Um die Flumequin-Kunden kümmerten sich Herr G., ein „erfahrener“ Prokurist, und andere erfahrene Vertriebsmitarbeiter. Ich sollte mich um neue Geschäfte bemühen und war auch bald ganz froh, nichts mit Ketamin oder Flumequin zu tun zu haben.

Flumequin ist ein antibiotischer Wirkstoff, der damals noch legal in der Lachszucht in Norwegen eingesetzt wurde. Flumequin wurde aber auch an dubiose Adressen in Norditalien und an einen Händler in Norddeutschland geliefert. Aus heutiger Sicht ist zu vermuten, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging und diese Kunden den grauen Markt bedienten.

Imhausen hatte keinerlei Substanz in Form einer gewachsenen Produktbasis. Der unbelastete Controller, Herr W. ein sympathischer Elsässer, war einige Monate vor mir zu Imhausen gekommen. Bei unseren gemeinsamen Mittagessen erzählte er mir jede Woche neue, erschreckende Entdeckungen und Erkenntnisse:

„Herr Ziegler, in diesem Unternehmen können gar keine Kosten kalkuliert werden! Wir können keine Maschinenstundensätze berechnen, weil fast alle Anlagenkäufe als Reparaturkosten verbucht wurden! Wir kennen die Anschaffungswerte gar nicht.“

Wie konnte es so etwas geben? Nun muß man wissen, dass der alte Professor Imhausen noch zu seinen Lebzeiten ein lukratives, langfristiges Forschungsprojekt an Land gezogen hatte.  Nach den Ölkrisen der frühen 1970er Jahre hatte sich das Bundesforschungsministerium zu einem Langzeitversuch zur Kohleverflüssigung hinreißen lassen. Zwar war Kohlehydrierung auch damals schon nicht unbedingt neu, aber in der Politik geht es ja mitunter nur darum, politische Zeichen zu setzen und etwas getan zu haben…

Imhausen hatte jedenfalls mit den Geldern des Bundesforschungsministeriums eine Anlage zur Hochdruckhydrierung von Kohle aufgebaut. Das Projekt war über Jahrzehnte üppig dotiert. Regelmäßig war zum Jahresende Geld übrig, das noch ausgegeben werden musste. So entstand zum Jahresende immer erheblicher Reparaturbedarf und die auf Reparatur gekauften Kessel und Anlagen füllten die Werkshallen.

Sie konnten später für Synthesen genutzt werden, die ebenfalls eine Hochdruckhydrierung erfordern. Offensichtlich entstehen bei solchen Synthesen oft unverkäufliche Nebenprodukte. Später sollte sich herausstellen, dass solche Abfallprodukte nicht als Sondermüll entsorgt, sondern in großem Umfang als Zwischenprodukte bewertet und auf dem Firmengelände gelagert wurden. Abfall stand also zu hoch bewertet in den Büchern, während Produktionsanlagen gar nicht bewertet werden konnten. Allerdings waren diese Anlagen für marktfähige Produkte auch gar nicht zu verwenden.

In dieser Situation trat nun ein Kaufinteressent auf den Plan, der die Produktionsstätte in Lahr unbedingt haben wollte: Das Schweizer Unternehmen Chemie Uetikon. Ein Familienunternehmen, das dem Vernehmen nach mit der Produktion von Düngemitteln in der Schweiz Geld verdient hatte und sich angeblich einen Produktionsstandort in der EU sichern wollte.

Herr W. und ich hatten Zweifel, ob sich die Produkte von Chemie Uetikon auf den Produktionsanlagen von Imhausen überhaupt herstellen lassen würden, aber darum schien es merkwürdigerweise gar nicht zu gehen. In Abwesenheit von K. – er war geschäftlich in den USA – suchten wir ein Gespräch mit dem Geschäftsführer von Chemie Uetikon.

Der Geschäftsführer von C. U. konnte oder wollte uns nicht erklären, was C. U. eigentlich mit Imhausen anfangen wollte und was in Lahr künftig produziert werden sollte. Unsere vorsichtig vorgetragene Meinung zu Substanz und Risiken des Unternehmens interessierte ihn auch nicht.

Wir fanden das beide sehr merkwürdig und konnten uns nur einen Reim darauf machen:

Imhausen musste verkauft werden, um sich von Forderungen des Finanzamtes und möglichen Rückforderungen des Bundesforschungsministeriums zu befreien. Forderungen des Finanzamtes richteten sich zwar gegen die Familie Hippenstiel-Imhausen, konnten aber nur in die deutsche Firma hinein vollstreckt werden. Denn der Großteil der Erlöse aus dem illegalen Libyen-Geschäft war offenbar auf Konten in der Schweiz gelandet. Das Imhausen-Geld war in der Schweiz, und Chemie Uetikon kam auch aus der Schweiz. Nichts gegen die Schweiz, aber das roch nach Geldwäsche. Vielleicht auf eine damals ganz legale Art. Heute hat die Produktionsstätte längst wieder andere Eigentümer…

Herrn W. und mir wurde dieses Pflaster zu heiß. Nach dem Gespräch mit dem zukünftigen Eigentümer schien es höchste Zeit, sich nach einer neuen Aufgabe umzuschauen. Ich suchte nach acht Monaten meinen Abschied und ließ mir auf eigenen Wunsch von Herrn K. ausdrücklich „unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Ausrichtung des Unternehmens“ in mein Zeugnis schreiben. Diese Formulierung konnte zwar künftige Arbeitgeber irritieren, denn Firmenpolitik ist Sache der Geschäftsführung und geht den Verkaufsleiter gar nichts an. Aber hier war die Formulierung einfach zutreffend.

 

 

 

Basel

In Basel ist der Sitz von Syngenta, dem größten Pflanzenschutzmittelhersteller der Welt, vormals bekannt unter dem Namen Ciba Geigy. Nachdem das Traditionsunternehmen vor Jahresfrist noch einen  Übernahmeversuch durch die amerikanische Monsanto abgewehrt hatte, soll es nun für 43 Milliarden Dollar in Bar an die chinesische Staatsfirma Chem China verkauft werden. Die Nachricht betrübt und stimmt nachdenklich. Hier zeigen sich volkswirtschaftliche Veränderungen von historischer Bedeutung.

Vor 35 Jahren begann meine Berufstätigkeit bei der Schering AG in Berlin, Schering war damals eines der führenden Pharma- und Pflanzenschutzunternehmen in Deutschland und der Welt, ein forschungsstarker Pionier auf vielen Gebieten. Patente und Innovationen waren Wissenschaftlern zu verdanken, die dem deutschen Bildungssystem und den damals weltbesten Universitäten entstammten. Deren Leistungen führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bahnbrechenden neuen Produkten. Aber schon in den 80er Jahren begannen wichtige Patente auszulaufen, zugleich wurde die Forschung immer teurer und weniger ergiebig. Die Branche hatte ihren Zenit überschritten, ein Konzentrationsprozess setzte ein.

In der ersten Hälfte der 80er Jahre war Schering noch auf der Überholspur und hatte gerade selbst mit FBC in Cambridge ein englisches Unternehmen übernommen, die Pflanzenschutzaktivitäten der Traditionsunternehmen Fisons und Boots. Nur wenige Jahre später wurde die Pflanzenschutzsparte von Schering von der Hoechst AG übernommen, die dann ihrerseits bald darauf mit der französischen Rhone Poulenc fusionierte. Einige Jahre darauf wurde dieses Konglomerat von der Bayer AG geschluckt. Übrig sind in Deutschland nur noch zwei weltweit tätige Pflanzenschutzhersteller: Bayer und BASF.

Als Produktionsstandort ist Europa für Chemieunternehmen schon lange ein schwieriges Pflaster. Als Forschungsstandort hat Europa ebenfalls an Bedeutung verloren. Wo geforscht, entwickelt und produziert wird, wird von den Unternehmungsführungen und letzlich von den Eigentümern entschieden. Bisher wurden diese Entscheidungen bei europäischen Unternehmen auch noch in und für Europa getroffen.

China ist im Laufe von zwanzig Jahren wirtschaftlich erstarkt. Mit günstiger Herstellung von Massenware für den Verbrauch in der ganzen Welt, vor allem aber in den USA, hat es gewaltige Devisenreserven angehäuft. Die Chinesen haben erkannt, dass die Währungspolitik ihrer hochverschuldeten Kunden in den Ländern des Westens zu Inflationierung und Entwertung führen wird. Bevor es so weit kommen kann, wird China die eigenen Ersparnisse einsetzen, um Technologie und Sachwerte zu erwerben.

Die chinesischen Staatsunternehmen erhalten die dafür notwendigen Finanzmittel von den ebenfalls staatlich gelenkten chinesischen Banken. Die export- und umsatzhungrigen Europäer sind beseelt von der Hoffnung auf besseren Zugang zum chinesischen Markt. Die chinesische Führung denkt langfristig und betreibt die Verlagerung von Wirtschaftsmacht und Entscheidungen nach China. Geschäftspolitik und Investitionen dieses steuerzahlenden Weltmarktführers werden über kurz oder lang chinesischen Interessen folgen, wenn die USA nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ein chinesischer Weltkonzern kann sich der Kontrolle durch  europäische Umwelt- und Steuergesetzgebung entziehen.

Wohl mag ein stattlicher Kaufpreis in europäische Kassen und Steuertöpfe fließen. Aber wird das Geld hierzulande noch produktiv investiert – oder von gealterten Wohlfahrtsstaaten verspekuliert und verfrühstückt? Die teure Spekulation auf Wohlstandssicherung durch Masseneinwanderung wird mit Sicherheit nicht aufgehen.  Europa exportiert Technologie und Expertise und importiert Papiergeld und Analphabeten. China importiert Sachwerte und Wissen und trennt sich dafür von Ramsch und Papiergeld. Man muß den Eindruck haben, dass die chinesische Politik klüger ist als die europäische.

Heidelberg 1985

Die Schering AG hatte sich meine Ausbildung einiges kosten lassen und wollte mich gerne halten. Aber mit gerade 25 Jahren war ich nicht in der Lage, mich an ein Unternehmen und eine Industriekarriere zu binden. Zum Sommersemester 1985 begann ich ein Jurastudium in Heidelberg.

Ich fand ein Zimmer in Neckargemünd, im Hause von Frau Käthe Auerhahn. Sie mag damals 83 Jahre alt gewesen sein und hatte mehrere Zimmer vermietet. Die Witwe von Dr. Albert Auerhahn hatte nur eine bescheidene Rente; ihr Mann war Chemiker in der IG Farben gewesen. Für den überzeugten Nationalsozialisten hatte es nach Internierung und Spruchkammerverfahren nach 1945 keine beruflichen Möglichkeiten mehr gegeben.

Ein Jurastudium dauert einige Zeit; wenn man es erst mit 25 beginnt, sollte man sich nicht zu viel Zeit lassen. Dafür sprachen auch wirtschaftliche Überlegungen, denn ich wollte das Studium selbst finanzieren. Meine Ersparnisse hätten für acht bis zehn Semester gereicht. Ich wollte unabhängig sein und weder die Eltern noch den Staat in Anspruch nehmen.

In zwei Semestern erfuhr ich die schönen Seiten des Studentenlebens und lernte prächtige Menschen kennen. Diszipliniertes Arbeiten und zügiges Studium rückten immer mehr in den Hintergrund.

Wieder war es eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die die Neugier weckte. Damals waren die Samstagsausgaben der Zeitungen noch voller Stellenanzeigen, auf die man sich schriftlich bewerben konnte. Internet gab es noch nicht. Die Stellenanzeigen studierte ich immer aus bloßer Neugier, so auch damals auf der Rückfahrt aus den Semesterferien im Frühjahr 1986. Der Zufall wollte es, dass ich beim zweiten Durchsehen auf eine Anzeige der Wacker Chemie in München stieß, auf die ich mich bewerben musste…

So habe ich Heidelberg wieder verlassen, ohne Rücksicht auf die neuen Freunde und zurück in die Industrie.

Die Freundschaften und Verbindungen aus der Heidelberger Zeit haben auch die folgenden Jahre in München noch geprägt. Und dann? Während die ersten von Euch sesshaft wurden, ging meine Irrfahrt noch einige Jahre weiter.

Liebe Heidelberger  Freunde: es tut mir von Herzen leid. Es war nie meine Absicht, mich abzuwenden oder Euch vor den Kopf zu stoßen. Sinnsuche und Experimentierfreude haben mich fortgetrieben zu Wandervögeln,  skandalumwitterten Unternehmen, politischen Abenteuern und später Familiengründung. Wie hätte ich Euch das erklären können?

 

 

 

 

Günther Grossmann 13.7.1918 – 6.12.2015

Günther Grossmann 13.7.1918 – 6.12.2015

Lieber Günther!

Es ist soweit, wir müssen Abschied nehmen.

Du gehst auf die große Fahrt zu unseren Vätern und Ahnen.

Du bist Ihnen immer treu geblieben, Du bist ihrer würdig. Du wirst einen Ehrenplatz unter ihnen einnehmen und mit ihnen über uns Lebende wachen, bis auch wir einst zum großen Appell abberufen werden – dann sehen wir uns wieder! Du folgst nun Uwe, deinem geliebten Sohn, und Martl, Deiner Frau, die dir vorangegangen sind.

Der liebe Gott hat es gnädig mit Dir gemeint und Dir bis in das hohe Alter den klaren Geist erhalten. Deine Vorbereitungen waren abgeschlossen, Du hast auf den Tod gewartet. Als die Stunde schließlich kam, warst Du bereit.

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“

In einem unserer Lieblingslieder heißt es auch:

„Es sitzt keine Krone so fest so hoch, der mutige Springer erreicht sie doch“.

Du bist Dir und Deinen Idealen treu geblieben wie kein anderer, und mutig gesprungen bist Du allemal. Wer hätte die Krone des Lebens verdient, wenn nicht Du?

In unseren Liedern haben wir uns getroffen und gefunden. Nach Schillers Versen aus dem Wallenstein hast Du gelebt: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!

Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung im Jahr 1987. Es war auf einem Parteitag, ich saß auf dem Präsidium und beobachtete den Einzug des Kreisverbandes Traunstein, seinerzeit der – nach München! – mitgliederstärkste Kreisverband der ÖDP. Das war Dein Werk. Man sah sofort: hier kommt einer, der führen und begeistern kann. Als stellvertretender Bürgermeister von Reit im Winkl hattest Du die CSU verlassen, weil dort nur die Fremdenverkehrsinteressen zählten. Dir aber ging es immer um das Ganze, um das Bewahren von Schöpfung, Natur und Heimat.

Da war endlich einmal ein aufrechter, freier Mensch, der zu seinen Überzeugungen stand, geradlinig und wahrhaftig. Ein herausragender, unbeugsamer Charakter, an dem wir Jüngeren uns ein Vorbild nehmen konnten.

In der Politik sind solche Menschen fehl am Platz, Charakter und Wahrhaftigkeit sind in diesem Metier nicht gefragt. Aber das musstest selbst Du mit fast siebzig Jahren erst noch lernen. In Herbert Gruhls ÖDP konnten sich damals noch einige Idealisten halten, weil die Partei unbedeutend war und weder Macht, Posten noch Steuergeld zu verteilen hatte. –

Mein lieber, alter Freund! Mit Dir geht nun mein letzter und bester Freund aus der Generation meiner Eltern. Eine großartige Generation, die in ihrer Jugend hart geprüft wurde.

Dein Vater war Werksarzt im Ruhrgebiet. Auch Dir wurde die nationalliberal-preußische Gesinnung vermutlich in die Wiege gelegt. Das unverdiente Glück einer guten Kinderstube verpflichtete zur Verantwortung gegenüber denen, die solches Glück nicht hatten. Du bist gemeinsam mit den Arbeiterkindern aufgewachsen; man lernte früh, einander zu schätzen.

Ich glaube, Du warst noch im Jungnationalen Bund, ehe die jungen Bünde nach der Machtergreifung aufgelöst und in Hitlerjugend und Jungvolk überführt wurden. Damit wurdest Du plötzlich mit 15 oder 16 Jahren Jungvolkführer und hattest 800 Jungen zu organisieren. Du musstest Dir gute Unterführer suchen, und die kamen natürlich alle aus den zuvor aufgelösten jungen Bünden. Ideologie wurde als lästig empfunden, es ging Euch um Gemeinschaft und Sinn.

In den Liedern jener Zeit hast Du Sinn gefunden:

„Wir sind nicht Bürger, Bauer, Arbeitsmann – reißt die Schranken doch zusammen! Uns weht nur eine Fahne voran, die Fahne der jungen Soldaten!“

Die alten Klassenschranken waren in der Frontkameradschaft des ersten Weltkrieges absurd geworden, ihr wolltet sie überwinden. Wer wollte Euch das verübeln? Man kann es weder Euch, Eurer Begeisterungsfähigkeit oder der Idee ankreiden, dass Ihr damit vor den Karren der Mächtigen gespannt wurdet.

Du hast Dich nie den Mächtigen verpflichtet gefühlt. Dein Herz schlug für Deine Leute und für Dein Volk. Verbunden und verpflichtet fühltest Du Dich den Zahl- und Namenlosen, die unschuldig und im besten Glauben an Ihr Volk zu allen Zeiten ihr junges Leben für andere gegeben haben. Das waren schon immer die Besten eines Volkes. Denn niemand hat größere Liebe als die ihr Leben lassen für ihre Freunde!

Ihr wart junge Soldaten. Ihr seid nicht mit Hurra in den Krieg gezogen, sondern mit Skepsis. Deine militärische Laufbahn war dann nur sehr kurz.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet wir zwei es in diesem Fach nicht weiter gebracht haben! In Deinem Fall wurde die militärische Karriere allerdings durch einen Kopfschuss in den ersten Tagen des Polenfeldzuges jäh beendet, ehrenhafter geht es nicht. Zum Glück war der Schuss nicht tödlich, aber das Loch in der Schädeldecke ist Dir geblieben.

Du warst Soldat und hast den Kopf für andere hingehalten. Soldaten zahlen mit dem Einsatz ihres Lebens den Preis für die Verbrechen der Regierungen. Du hast früh erkannt, dass Staat und Obrigkeit die schlimmsten Verbrecher sein können.

„……..die anderen ruhen in Flandern. Sind die vor Gottes Augen gleich – die einen und die andern?“

Du warst bei den andern, Du bist immer einer von den Jungen geblieben. Vor vielen Jahren hast Du mir den „Wanderer zwischen den Welten“ geschenkt. Seinen Leuten vorleben ist Leutnantsdienst, das Vorsterben ist ein Teil davon. So hast Du es gehalten.

Du warst Preuße aus Herkunft und Überzeugung. Der alte Fritz war immer in Sichtweite. Nur echten Preußen und Bayern wie Dir ist es möglich, als Protestant im katholischen Pfarrgemeinderat mitzuwirken. Man hat seinen Mann zu stehen, wo man gebraucht wird. In der bayerischen Liberalität warst Du damit gut aufgehoben.

Nach Deiner Ausmusterung hattest Du ein Medizinstudium begonnen. Du konntest aber nicht studieren, während Deine Kameraden und Freunde an der Front waren. Du konntest Dich in der Kinderlandverschickung nützlich machen. Dort lerntest Du die Martl kennen, mit der zusammen Du Lager zu leiten und später vor allem zu evakuieren hattest. Gemeinsam habt ihr im Chaos des Kriegsendes noch viele Kinder aus Böhmen evakuiert – und wahrscheinlich etlichen das Leben gerettet.

Nach dem Krieg musste eine Existenz aufgebaut werden. Martl hatte handwerkliches Geschick und die Tradition ihrer Heimat mit in die Ehe gebracht. Du machtest Dich auf den Weg, um Kunden für das von ihr hergestellte Holzspielzeug zu suchen.

Karstadt wurde Dein erster großer Kunde. Das Geschäft wuchs, ihr konntet die alte Försterei in Reit im Winkl erwerben und die Produktion erweitern. Hannelore und Uwe kamen zur Welt. Es müssen glückliche Zeiten gewesen sein.

Die Jungen habt Ihr im Alpenverein auf die richtige Spur gebracht. Du übernahmst die Leitung der Sektion Kössen-Reit im Winkl im Österreichischen Alpenverein. Zahllose junge Menschen haben durch Lieder und Kameradschaft in Euren Alpenvereinslagern prägende Erlebnisse erfahren.

Das alles hätte ein märchenhaftes Glück sein können…..

Doch dann, mitten hinein wie der Blitz aus heiterem Himmel, der furchtbare Schicksalsschlag: Uwe wurde in der Blüte seiner Jugend aus dem Leben gerissen.

Wir können nur ahnen, wie sehr dieser Verlust Eure Ehe und das Leben der Familie verändert und fortan bestimmt haben mag.

Eure Ehe war auf Kameradschaft gegründet, das Leben musste weitergehen. Aber es konnte sicher nie wieder so werden wie vorher. Uwe behielt immer seinen herausragenden Platz in Deinem Leben. –

Und trotzdem: Noch viele Jahrzehnte nach diesem bitteren Schlag warst Du anderen ein Vorbild an Lebensbejahung, Tatkraft und Begeisterungsfähigkeit.

Die nach Martls Entwürfen entstandenen Holzfiguren, Hampelmänner und Märchenmotive haben mehr als fünf Jahrzehnte lang Kinderherzen in aller Welt erfreut. Heute verlangt der Markt anscheinend andere Sachen, die zu Euch nicht passen würden.

DSC_0426Manche alpenländischen Lieder habe ich von Euch gelernt. Du warst ganz in Deinem Element, wenn wir auf der Hemmersuppenalm unsere alten Lieder gesungen haben. Dein Vermächtnis wird in den Liedern weiterleben.

Das Schicksal Deines Volkes hat Dich bewegt, Du hast daran gelitten. Seiner jüngeren Geschichte hast Du ein eigenes Buch gewidmet, es trägt den Titel:        „Von Versailles bis Maastricht“. Im Schicksalsjahr 1918 hast Du das Licht der     Welt erblickt, die Folgen des Versailler Diktats hast Du als Zeitzeuge erlebt.

Menschen Deines Schlages sind selten geworden, sie haben Dir im täglichen Umgang ebenso gefehlt wir mir. Wir haben uns verstanden wie Vater und Sohn.    Ich bin stolz auf Deine Freundschaft, sie war mir eine Ehre.

Am Tage Deiner Beerdigung stand ich in der Jägerprüfung, ungefähr doppelt so     alt wie die anderen angehenden Jungjäger. Ich glaube, daß das ganz in Deinem Sinne gewesen wäre! Es geht auch hier um die Bewahrung der bodenständigen Kultur, die uns beiden immer wichtig war.

Und wir müssen für unsere kleine, verlorene Schar der Freien und Jungen immer neue ökologische Nischen suchen!

Lieber Günther: Du warst einer von uns!

 

 Bleiben am Ende wir dann im Lager und schüren das Feuer.

Und aus der Asche wird glühender Brand

fahren unsere Scharen wieder durchs Land…..

aus einem Lied von Otto Leis –

 

 

Frankfurt

In Frankfurt hat die europäische Zentralbank ihren Sitz. Dort wird die Geldpolitik für alle Euroländer entschieden. Der Wert des Geldes wird also durch Politik bestimmt, nicht durch Angebot und Nachfrage.

Die Preise für knappe Güter ergeben sich im allgemeinen aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Ein Überangebot führt zu sinkenden Preisen, Knappheit führt zu steigenden Preisen. Das Geld der Notenbanken kann aus dem Nichts geschaffen werden und die Zentralbanken EZB und FED haben es sich zur Aufgabe gemacht, es nie knapp werden zu lassen. Damit soll deflationären Tendenzen in der Realwirtschaft entgegengewirkt werden.

Warum das nicht funktionieren kann, ist derzeit an zwei populären Beispielen zu beobachten:

Die Milcherzeuger beklagen einen ruinösen Verfall des Milchpreises. Der Milchpreis ist das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Wenn er hoch ist, wird weltweit sofort in Milcherzeugung und Erweiterung investiert, mit viel Fremdkapital und Niedrigstzinsen dank billigem Geld von der Zentralbank. So dauert es nur ein, zwei Jahre, bis ein neues Überangebot wieder auf die Preise zu drücken beginnt. Mit eigenem Geld ist jeder Investor vorsichtiger. Die Verschuldung drückt auf die Preise.

Derselbe Mechanismus drückt auch auf die Öl- und Rohstoffpreise. Bei Ölpreisen von über 100 Dollar pro Barrel schien es vor einigen Jahren äußerst attraktiv, in die Erschließung unkonventioneller Lagerstätten zu investieren. Auch hierfür stellt die Finanzwirtschaft gerne Fremdkapital im Umfang von Hunderten Milliarden Dollar zu Niedrigstzinsen zur Verfügung, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das sogenannte „Fracking“ in Nordamerika bewahrte die US-Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vor dem völligen Absturz. Nun gibt es am Ölmarkt seit ein oder zwei Jahren ein Überangebot und die Preise sind auf ein Niveau gefallen, bei dem Fracking nicht mehr rentabel ist. Die Förderung muß aber weitergehen, weil mit den Erlösen die Kredite bedient werden müssen. Wenn das dünne Eigenkapital aufgezehrt ist, ist es damit aber auch vorbei. Die Verschuldung wird so lange auf die Preise drücken, bis es kein Überangebot mehr gibt. Die Verluste aus der Abschreibung notleidender Kredite werden von der Finanzwirtschaft im Zusammenwirken mit Politik und Notenbanken wieder auf die Allgemeinheit umverteilt.

Merke: Wenn jeder an billiges Geld kommen kann, werden Überkapazitäten entstehen. In einem solchen Umfeld können sich Investitionen mit Eigenkapital nicht rechnen. Verdienen kann nur der, der etwas macht, das nicht alle machen können.

Die Politik kann das Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht außer Kraft setzen. Wann immer sie es durch staatliche Intervention versucht, entsteht entweder zu viel oder zu wenig Angebot.

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