Lieber Günther!

Es ist soweit, wir müssen Abschied nehmen.

Du gehst auf die große Fahrt zu unseren Vätern und Ahnen.

Du bist Ihnen immer treu geblieben, Du bist ihrer würdig. Du wirst einen Ehrenplatz unter ihnen einnehmen und mit ihnen über uns Lebende wachen, bis auch wir einst zum großen Appell abberufen werden – dann sehen wir uns wieder! Du folgst nun Uwe, deinem geliebten Sohn, und Martl, Deiner Frau, die dir vorangegangen sind.

Der liebe Gott hat es gnädig mit Dir gemeint und Dir bis in das hohe Alter den klaren Geist erhalten. Deine Vorbereitungen waren abgeschlossen, Du hast auf den Tod gewartet. Als die Stunde schließlich kam, warst Du bereit.

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“

In einem unserer Lieblingslieder heißt es auch:

„Es sitzt keine Krone so fest so hoch, der mutige Springer erreicht sie doch“.

Du bist Dir und Deinen Idealen treu geblieben wie kein anderer, und mutig gesprungen bist Du allemal. Wer hätte die Krone des Lebens verdient, wenn nicht Du?

In unseren Liedern haben wir uns getroffen und gefunden. Nach Schillers Versen aus dem Wallenstein hast Du gelebt: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!

Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung im Jahr 1987. Es war auf einem Parteitag, ich saß auf dem Präsidium und beobachtete den Einzug des Kreisverbandes Traunstein, seinerzeit der – nach München! – mitgliederstärkste Kreisverband der ÖDP. Das war Dein Werk. Man sah sofort: hier kommt einer, der führen und begeistern kann. Als stellvertretender Bürgermeister von Reit im Winkl hattest Du die CSU verlassen, weil dort nur die Fremdenverkehrsinteressen zählten. Dir aber ging es immer um das Ganze, um das Bewahren von Schöpfung, Natur und Heimat.

Da war endlich einmal ein aufrechter, freier Mensch, der zu seinen Überzeugungen stand, geradlinig und wahrhaftig. Ein herausragender, unbeugsamer Charakter, an dem wir Jüngeren uns ein Vorbild nehmen konnten.

In der Politik sind solche Menschen fehl am Platz, Charakter und Wahrhaftigkeit sind in diesem Metier nicht gefragt. Aber das musstest selbst Du mit fast siebzig Jahren erst noch lernen. In Herbert Gruhls ÖDP konnten sich damals noch einige Idealisten halten, weil die Partei unbedeutend war und weder Macht, Posten noch Steuergeld zu verteilen hatte. –

Mein lieber, alter Freund! Mit Dir geht nun mein letzter und bester Freund aus der Generation meiner Eltern. Eine großartige Generation, die in ihrer Jugend hart geprüft wurde.

Dein Vater war Werksarzt im Ruhrgebiet. Auch Dir wurde die nationalliberal-preußische Gesinnung vermutlich in die Wiege gelegt. Das unverdiente Glück einer guten Kinderstube verpflichtete zur Verantwortung gegenüber denen, die solches Glück nicht hatten. Du bist gemeinsam mit den Arbeiterkindern aufgewachsen; man lernte früh, einander zu schätzen.

Ich glaube, Du warst noch im Jungnationalen Bund, ehe die jungen Bünde nach der Machtergreifung aufgelöst und in Hitlerjugend und Jungvolk überführt wurden. Damit wurdest Du plötzlich mit 15 oder 16 Jahren Jungvolkführer und hattest 800 Jungen zu organisieren. Du musstest Dir gute Unterführer suchen, und die kamen natürlich alle aus den zuvor aufgelösten jungen Bünden. Ideologie wurde als lästig empfunden, es ging Euch um Gemeinschaft und Sinn.

In den Liedern jener Zeit hast Du Sinn gefunden:

„Wir sind nicht Bürger, Bauer, Arbeitsmann – reißt die Schranken doch zusammen! Uns weht nur eine Fahne voran, die Fahne der jungen Soldaten!“

Die alten Klassenschranken waren in der Frontkameradschaft des ersten Weltkrieges absurd geworden, ihr wolltet sie überwinden. Wer wollte Euch das verübeln? Man kann es weder Euch, Eurer Begeisterungsfähigkeit oder der Idee ankreiden, dass Ihr damit vor den Karren der Mächtigen gespannt wurdet.

Du hast Dich nie den Mächtigen verpflichtet gefühlt. Dein Herz schlug für Deine Leute und für Dein Volk. Verbunden und verpflichtet fühltest Du Dich den Zahl- und Namenlosen, die unschuldig und im besten Glauben an Ihr Volk zu allen Zeiten ihr junges Leben für andere gegeben haben. Das waren schon immer die Besten eines Volkes. Denn niemand hat größere Liebe als die ihr Leben lassen für ihre Freunde!

Ihr wart junge Soldaten. Ihr seid nicht mit Hurra in den Krieg gezogen, sondern mit Skepsis. Deine militärische Laufbahn war dann nur sehr kurz.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet wir zwei es in diesem Fach nicht weiter gebracht haben! In Deinem Fall wurde die militärische Karriere allerdings durch einen Kopfschuss in den ersten Tagen des Polenfeldzuges jäh beendet, ehrenhafter geht es nicht. Zum Glück war der Schuss nicht tödlich, aber das Loch in der Schädeldecke ist Dir geblieben.

Du warst Soldat und hast den Kopf für andere hingehalten. Soldaten zahlen mit dem Einsatz ihres Lebens den Preis für die Verbrechen der Regierungen. Du hast früh erkannt, dass Staat und Obrigkeit die schlimmsten Verbrecher sein können.

„……..die anderen ruhen in Flandern. Sind die vor Gottes Augen gleich – die einen und die andern?“

Du warst bei den andern, Du bist immer einer von den Jungen geblieben. Vor vielen Jahren hast Du mir den „Wanderer zwischen den Welten“ geschenkt. Seinen Leuten vorleben ist Leutnantsdienst, das Vorsterben ist ein Teil davon. So hast Du es gehalten.

Du warst Preuße aus Herkunft und Überzeugung. Der alte Fritz war immer in Sichtweite. Nur echten Preußen und Bayern wie Dir ist es möglich, als Protestant im katholischen Pfarrgemeinderat mitzuwirken. Man hat seinen Mann zu stehen, wo man gebraucht wird. In der bayerischen Liberalität warst Du damit gut aufgehoben.

Nach Deiner Ausmusterung hattest Du ein Medizinstudium begonnen. Du konntest aber nicht studieren, während Deine Kameraden und Freunde an der Front waren. Du konntest Dich in der Kinderlandverschickung nützlich machen. Dort lerntest Du die Martl kennen, mit der zusammen Du Lager zu leiten und später vor allem zu evakuieren hattest. Gemeinsam habt ihr im Chaos des Kriegsendes noch viele Kinder aus Böhmen evakuiert – und wahrscheinlich etlichen das Leben gerettet.

Nach dem Krieg musste eine Existenz aufgebaut werden. Martl hatte handwerkliches Geschick und die Tradition ihrer Heimat mit in die Ehe gebracht. Du machtest Dich auf den Weg, um Kunden für das von ihr hergestellte Holzspielzeug zu suchen.

Karstadt wurde Dein erster großer Kunde. Das Geschäft wuchs, ihr konntet die alte Försterei in Reit im Winkl erwerben und die Produktion erweitern. Hannelore und Uwe kamen zur Welt. Es müssen glückliche Zeiten gewesen sein.

Die Jungen habt Ihr im Alpenverein auf die richtige Spur gebracht. Du übernahmst die Leitung der Sektion Kössen-Reit im Winkl im Österreichischen Alpenverein. Zahllose junge Menschen haben durch Lieder und Kameradschaft in Euren Alpenvereinslagern prägende Erlebnisse erfahren.

Das alles hätte ein märchenhaftes Glück sein können…..

Doch dann, mitten hinein wie der Blitz aus heiterem Himmel, der furchtbare Schicksalsschlag: Uwe wurde in der Blüte seiner Jugend aus dem Leben gerissen.

Wir können nur ahnen, wie sehr dieser Verlust Eure Ehe und das Leben der Familie verändert und fortan bestimmt haben mag.

Eure Ehe war auf Kameradschaft gegründet, das Leben musste weitergehen. Aber es konnte sicher nie wieder so werden wie vorher. Uwe behielt immer seinen herausragenden Platz in Deinem Leben. –

Und trotzdem: Noch viele Jahrzehnte nach diesem bitteren Schlag warst Du anderen ein Vorbild an Lebensbejahung, Tatkraft und Begeisterungsfähigkeit.

Die nach Martls Entwürfen entstandenen Holzfiguren, Hampelmänner und Märchenmotive haben mehr als fünf Jahrzehnte lang Kinderherzen in aller Welt erfreut. Heute verlangt der Markt anscheinend andere Sachen, die zu Euch nicht passen würden.

DSC_0426Manche alpenländischen Lieder habe ich von Euch gelernt. Du warst ganz in Deinem Element, wenn wir auf der Hemmersuppenalm unsere alten Lieder gesungen haben. Dein Vermächtnis wird in den Liedern weiterleben.

Das Schicksal Deines Volkes hat Dich bewegt, Du hast daran gelitten. Seiner jüngeren Geschichte hast Du ein eigenes Buch gewidmet, es trägt den Titel:        „Von Versailles bis Maastricht“. Im Schicksalsjahr 1918 hast Du das Licht der     Welt erblickt, die Folgen des Versailler Diktats hast Du als Zeitzeuge erlebt.

Menschen Deines Schlages sind selten geworden, sie haben Dir im täglichen Umgang ebenso gefehlt wir mir. Wir haben uns verstanden wie Vater und Sohn.    Ich bin stolz auf Deine Freundschaft, sie war mir eine Ehre.

Am Tage Deiner Beerdigung stand ich in der Jägerprüfung, ungefähr doppelt so     alt wie die anderen angehenden Jungjäger. Ich glaube, daß das ganz in Deinem Sinne gewesen wäre! Es geht auch hier um die Bewahrung der bodenständigen Kultur, die uns beiden immer wichtig war.

Und wir müssen für unsere kleine, verlorene Schar der Freien und Jungen immer neue ökologische Nischen suchen!

Lieber Günther: Du warst einer von uns!

 

 Bleiben am Ende wir dann im Lager und schüren das Feuer.

Und aus der Asche wird glühender Brand

fahren unsere Scharen wieder durchs Land…..

aus einem Lied von Otto Leis –

 

 

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