Die Schering AG hatte sich meine Ausbildung einiges kosten lassen und wollte mich gerne halten. Aber mit gerade 25 Jahren war ich nicht in der Lage, mich an ein Unternehmen und eine Industriekarriere zu binden. Zum Sommersemester 1985 begann ich ein Jurastudium in Heidelberg.

Ich fand ein Zimmer in Neckargemünd, im Hause von Frau Käthe Auerhahn. Sie mag damals 83 Jahre alt gewesen sein und hatte mehrere Zimmer vermietet. Die Witwe von Dr. Albert Auerhahn hatte nur eine bescheidene Rente; ihr Mann war Chemiker in der IG Farben gewesen. Für den überzeugten Nationalsozialisten hatte es nach Internierung und Spruchkammerverfahren nach 1945 keine beruflichen Möglichkeiten mehr gegeben.

Ein Jurastudium dauert einige Zeit; wenn man es erst mit 25 beginnt, sollte man sich nicht zu viel Zeit lassen. Dafür sprachen auch wirtschaftliche Überlegungen, denn ich wollte das Studium selbst finanzieren. Meine Ersparnisse hätten für acht bis zehn Semester gereicht. Ich wollte unabhängig sein und weder die Eltern noch den Staat in Anspruch nehmen.

In zwei Semestern erfuhr ich die schönen Seiten des Studentenlebens und lernte prächtige Menschen kennen. Diszipliniertes Arbeiten und zügiges Studium rückten immer mehr in den Hintergrund.

Wieder war es eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die die Neugier weckte. Damals waren die Samstagsausgaben der Zeitungen noch voller Stellenanzeigen, auf die man sich schriftlich bewerben konnte. Internet gab es noch nicht. Die Stellenanzeigen studierte ich immer aus bloßer Neugier, so auch damals auf der Rückfahrt aus den Semesterferien im Frühjahr 1986. Der Zufall wollte es, dass ich beim zweiten Durchsehen auf eine Anzeige der Wacker Chemie in München stieß, auf die ich mich bewerben musste…

So habe ich Heidelberg wieder verlassen, ohne Rücksicht auf die neuen Freunde und zurück in die Industrie.

Die Freundschaften und Verbindungen aus der Heidelberger Zeit haben auch die folgenden Jahre in München noch geprägt. Und dann? Während die ersten von Euch sesshaft wurden, ging meine Irrfahrt noch einige Jahre weiter.

Liebe Heidelberger  Freunde: es tut mir von Herzen leid. Es war nie meine Absicht, mich abzuwenden oder Euch vor den Kopf zu stoßen. Sinnsuche und Experimentierfreude haben mich fortgetrieben zu Wandervögeln,  skandalumwitterten Unternehmen, politischen Abenteuern und später Familiengründung. Wie hätte ich Euch das erklären können?

 

 

 

 

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