tilmanziegler.com | Unterwegs

warum-dieser-blog

This blog is dedicated to all friends I met on the way and who set an example to me as for their independent view of the world.


Imhausen-Chemie, Lahr

Mit 31 Jahren wurde es mir bei der Wacker-Chemie in München zu langweilig. Eine Vertriebskarriere bei Wacker hätte wieder in die Welt hinaus geführt, aber der Vertrieb von Grundstoffen erschien nicht sehr reizvoll. Anders als in der Pflanzenschutz- oder Pharmaindustrie hatten die Auslandsniederlassungen weder größere Außendienstmannschaften noch echte Marketingaufgaben. Das Leben in irgendwelchen fernen Metropolen konnte mich auch nicht mehr reizen. Und viele Manager kamen nach langen Jahren im Ausland zurück und landeten dann mit Anfang 50 auf irgendeinem Elefantenfriedhof. Wieder stolperte ich über eine Anzeige in der FAZ. Eine Schweizer Personalberatung suchte für ein mittelständisches Chemieunternehmen einen Verkaufsleiter. In der Schweiz zu arbeiten, hätte ich mir vorstellen können. Nach einigen Tagen rief der Personalberater an und eröffnete mir, dass es sich nicht um ein Unternehmen in der Schweiz handelte: Es ging um die Imhausen-Chemie im badischen Lahr. Imhausen war in den achtziger Jahren weltweit in die Schlagzeilen geraten. Jürgen Hippenstiel-Imhausen, der Schwiegersohn des Firmengründers Prof. Imhausen, saß im Gefängnis wegen der unerlaubten Lieferung einer Giftgasanlage nach Rabta/Libyen. Angeklagt war er nicht nur wegen Verstoßes gegen Ausfuhrverbote, sondern auch wegen Steuerhinterziehung: die auf über 200 Millionen DM geschätzten Einnahmen aus dem Geschäft waren offenbar größtenteils an der Steuer vorbei geflossen. Imhausen stand also im Rufe eines Unberührbaren. Aber es konnte ja nicht schaden, sich so einen Laden mal selbst anzusehen…  Der Einladung zum Vorstellungsgespräch in Lahr folgte ich vor allem aus Neugierde. Der neue, unbelastetete Geschäftsführer in Lahr war ein Herr K. K. kam aus der Firma Nattermann, einem traditionsreichen Pharmaunternehmen, das gerade von einer französischen Pharmafirma übernommen worden war. Nattermann war Kunde von Imhausen gewesen. K. sollte Imhausen... mehr lesen

Basel

In Basel ist der Sitz von Syngenta, dem größten Pflanzenschutzmittelhersteller der Welt, vormals bekannt unter dem Namen Ciba Geigy. Nachdem das Traditionsunternehmen vor Jahresfrist noch einen  Übernahmeversuch durch die amerikanische Monsanto abgewehrt hatte, soll es nun für 43 Milliarden Dollar in Bar an die chinesische Staatsfirma Chem China verkauft werden. Die Nachricht betrübt und stimmt nachdenklich. Hier zeigen sich volkswirtschaftliche Veränderungen von historischer Bedeutung. Vor 35 Jahren begann meine Berufstätigkeit bei der Schering AG in Berlin, Schering war damals eines der führenden Pharma- und Pflanzenschutzunternehmen in Deutschland und der Welt, ein forschungsstarker Pionier auf vielen Gebieten. Patente und Innovationen waren Wissenschaftlern zu verdanken, die dem deutschen Bildungssystem und den damals weltbesten Universitäten entstammten. Deren Leistungen führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bahnbrechenden neuen Produkten. Aber schon in den 80er Jahren begannen wichtige Patente auszulaufen, zugleich wurde die Forschung immer teurer und weniger ergiebig. Die Branche hatte ihren Zenit überschritten, ein Konzentrationsprozess setzte ein. In der ersten Hälfte der 80er Jahre war Schering noch auf der Überholspur und hatte gerade selbst mit FBC in Cambridge ein englisches Unternehmen übernommen, die Pflanzenschutzaktivitäten der Traditionsunternehmen Fisons und Boots. Nur wenige Jahre später wurde die Pflanzenschutzsparte von Schering von der Hoechst AG übernommen, die dann ihrerseits bald darauf mit der französischen Rhone Poulenc fusionierte. Einige Jahre darauf wurde dieses Konglomerat von der Bayer AG geschluckt. Übrig sind in Deutschland nur noch zwei weltweit tätige Pflanzenschutzhersteller: Bayer und BASF. Als Produktionsstandort ist Europa für Chemieunternehmen schon lange ein schwieriges Pflaster. Als Forschungsstandort hat Europa ebenfalls an Bedeutung verloren. Wo geforscht, entwickelt und produziert wird, wird von den Unternehmungsführungen und letzlich von... mehr lesen

Heidelberg 1985

Die Schering AG hatte sich meine Ausbildung einiges kosten lassen und wollte mich gerne halten. Aber mit gerade 25 Jahren war ich nicht in der Lage, mich an ein Unternehmen und eine Industriekarriere zu binden. Zum Sommersemester 1985 begann ich ein Jurastudium in Heidelberg. Ich fand ein Zimmer in Neckargemünd, im Hause von Frau Käthe Auerhahn. Sie mag damals 83 Jahre alt gewesen sein und hatte mehrere Zimmer vermietet. Die Witwe von Dr. Albert Auerhahn hatte nur eine bescheidene Rente; ihr Mann war Chemiker in der IG Farben gewesen. Für den überzeugten Nationalsozialisten hatte es nach Internierung und Spruchkammerverfahren nach 1945 keine beruflichen Möglichkeiten mehr gegeben. Ein Jurastudium dauert einige Zeit; wenn man es erst mit 25 beginnt, sollte man sich nicht zu viel Zeit lassen. Dafür sprachen auch wirtschaftliche Überlegungen, denn ich wollte das Studium selbst finanzieren. Meine Ersparnisse hätten für acht bis zehn Semester gereicht. Ich wollte unabhängig sein und weder die Eltern noch den Staat in Anspruch nehmen. In zwei Semestern erfuhr ich die schönen Seiten des Studentenlebens und lernte prächtige Menschen kennen. Diszipliniertes Arbeiten und zügiges Studium rückten immer mehr in den Hintergrund. Wieder war es eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die die Neugier weckte. Damals waren die Samstagsausgaben der Zeitungen noch voller Stellenanzeigen, auf die man sich schriftlich bewerben konnte. Internet gab es noch nicht. Die Stellenanzeigen studierte ich immer aus bloßer Neugier, so auch damals auf der Rückfahrt aus den Semesterferien im Frühjahr 1986. Der Zufall wollte es, dass ich beim zweiten Durchsehen auf eine Anzeige der Wacker Chemie in München stieß, auf die ich mich bewerben musste… So habe ich... mehr lesen

Günther Grossmann 13.7.1918 – 6.12.2015

Lieber Günther! Es ist soweit, wir müssen Abschied nehmen. Du gehst auf die große Fahrt zu unseren Vätern und Ahnen. Du bist Ihnen immer treu geblieben, Du bist ihrer würdig. Du wirst einen Ehrenplatz unter ihnen einnehmen und mit ihnen über uns Lebende wachen, bis auch wir einst zum großen Appell abberufen werden – dann sehen wir uns wieder! Du folgst nun Uwe, deinem geliebten Sohn, und Martl, Deiner Frau, die dir vorangegangen sind. Der liebe Gott hat es gnädig mit Dir gemeint und Dir bis in das hohe Alter den klaren Geist erhalten. Deine Vorbereitungen waren abgeschlossen, Du hast auf den Tod gewartet. Als die Stunde schließlich kam, warst Du bereit. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ In einem unserer Lieblingslieder heißt es auch: „Es sitzt keine Krone so fest so hoch, der mutige Springer erreicht sie doch“. Du bist Dir und Deinen Idealen treu geblieben wie kein anderer, und mutig gesprungen bist Du allemal. Wer hätte die Krone des Lebens verdient, wenn nicht Du? In unseren Liedern haben wir uns getroffen und gefunden. Nach Schillers Versen aus dem Wallenstein hast Du gelebt: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein! Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung im Jahr 1987. Es war auf einem Parteitag, ich saß auf dem Präsidium und beobachtete den Einzug des Kreisverbandes Traunstein, seinerzeit der – nach München! – mitgliederstärkste Kreisverband der ÖDP. Das war Dein Werk. Man sah sofort: hier kommt einer, der führen und begeistern kann. Als stellvertretender Bürgermeister von Reit im Winkl hattest Du... mehr lesen

Frankfurt

In Frankfurt hat die europäische Zentralbank ihren Sitz. Dort wird die Geldpolitik für alle Euroländer entschieden. Der Wert des Geldes wird also durch Politik bestimmt, nicht durch Angebot und Nachfrage. Die Preise für knappe Güter ergeben sich im allgemeinen aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Ein Überangebot führt zu sinkenden Preisen, Knappheit führt zu steigenden Preisen. Das Geld der Notenbanken kann aus dem Nichts geschaffen werden und die Zentralbanken EZB und FED haben es sich zur Aufgabe gemacht, es nie knapp werden zu lassen. Damit soll deflationären Tendenzen in der Realwirtschaft entgegengewirkt werden. Warum das nicht funktionieren kann, ist derzeit an zwei populären Beispielen zu beobachten: Die Milcherzeuger beklagen einen ruinösen Verfall des Milchpreises. Der Milchpreis ist das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Wenn er hoch ist, wird weltweit sofort in Milcherzeugung und Erweiterung investiert, mit viel Fremdkapital und Niedrigstzinsen dank billigem Geld von der Zentralbank. So dauert es nur ein, zwei Jahre, bis ein neues Überangebot wieder auf die Preise zu drücken beginnt. Mit eigenem Geld ist jeder Investor vorsichtiger. Die Verschuldung drückt auf die Preise. Derselbe Mechanismus drückt auch auf die Öl- und Rohstoffpreise. Bei Ölpreisen von über 100 Dollar pro Barrel schien es vor einigen Jahren äußerst attraktiv, in die Erschließung unkonventioneller Lagerstätten zu investieren. Auch hierfür stellt die Finanzwirtschaft gerne Fremdkapital im Umfang von Hunderten Milliarden Dollar zu Niedrigstzinsen zur Verfügung, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das sogenannte „Fracking“ in Nordamerika bewahrte die US-Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vor dem völligen Absturz. Nun gibt es am Ölmarkt seit ein oder zwei Jahren ein Überangebot und die Preise sind auf ein Niveau gefallen, bei dem Fracking nicht... mehr lesen